Freies Bildungswerk Balduinstein
Bündische Gruppen gegen extremistische Gruppen II
16./17. Januar 2010
























































Lesenswerte Buchempfehlung
Die NPD und ihr Milieu“ von Gideon Botsch und Christoph Kopke
erschienen: Landeszentrale für Politische Bildung Baden-Würtemberg
Preis 5€

Wichtige Informationsquelle:
rechte-jugendbuende.de

 

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Zunächst einmal: Erfreulich viele Interessierte aus 15(!) Bünden, erfreulich viele junge Teilnehmer, erfreulich hoher Informations- und Diskussionsbedarf. Und ein erfreulich frei, packend und lebendig sprechender Referent, der flexibel und unermüdlich auf die vielen Beiträge und Fragen einging, ohne seinen Faden zu verlieren!
- plötzlich war es 23.45 Uhr Samstagnacht!
Dr. phil. Gideon Botsch ist Politikwissenschaftler, tätig am „Moses-Mendelsohn Zentrum“, Potsdam mit Forschungsschwerpunkt Antisemitismusforschung und Rechtsextremismus. Gideon Botsch war im BdP Berlin und schilderte Schlüsselerlebnisse aus dieser Zeit, die ihn u.a. motiviert haben, sich dem Phänomen Rechtsextremismus zu widmen.

Im Folgenden einige Vortragselemente.
- Er führte die Zuhörenden von der Französischen Revolution über die Paulskirche, die Vor- und Nachkriegszeit ins Hier und Jetzt. Und erklärte die Bezeichnung ‚Rechtsextremismus’ als einen relativ jungen ‚Kunstbegriff’, der der Vorläuferbezeichnung ‚Nationalismus’ folgte und heute als sozialwissenschaftlicher und politischer Begriff von Justiz, Polizei (PMK –Politisch motivierter Kriminalfall) und Teilen der Gesellschaft genutzt wird.

- Die Rechts- Linksachse mit ihren äußeren Polen: Gleichwertigkeit / Ungleichwertigkeit, kreuzt sich vertikal mit der Achse: Liberalismus / Autoritarismus und erhält eine dritte Dimension durch eine weitere horizontale Achse: Irrationalismus / Rationalismus. Dieses korrespondiert mit den drei menschlichen Ebenen: Einstellung, Ideologien, Verhalten.
- Verbindende Kennzeichen zeigen sich in:
Chauvinismus (als Besonderheit: Gebietsrevisionismus), Ungleichheit, Verharmlosung des Naziterrors, Antisemitismus, Rassismus, Sozialdarwinismus.
Sind mehrere der genannten Denk- und Verhaltensmuster vorhanden, kann man schon von Rechtsextremismus sprechen.
- Die organisierte Rechte nennt sich u.a.:
Nationale Opposition / Nationaler Widerstand / Nationale Bewegung
Der „Bund Heimattreuer Jugend“ –„BHJ“ - , heute „Freibund - Bund Heimattreuer Jugend“ z. B. hat seine Wurzeln in der Nationalen Opposition. Neben dem offenen Rechtsextremismus (Versammlung, Provokation, Aufmarsch, Gewalttaten) gilt auch die Strategie der Verschleierung, will heißen: Untertauchen in unverdächtigen Formen. (1)
- Die Frage : Was ist völkisch? wurde mit drei Schwerpunkten (vereinfacht) beschrieben:
Territorium, Abstammung, Sprache. Das ist als solches erst mal unverdächtig, wo es aber übergewichtig wird, ist Vorsicht geboten. (2)
- Gideon Botsch bezeichnet den Begriff „Neue Rechte“ als Nebelkerze und fand damit durchaus die Zustimmung all jener Diskutanten, die sich schon länger mit dem Thema befasst haben. Viele Fragen, viele Antworten, zustimmend oder auch kontrovers, aber konzentriert bis in die Nacht hinein.

Abschließend vielleicht ein erster Schritt:
Das Problem wahrnehmen, es benennen.
Was ist es, was uns ausmacht, was trennt uns?
Wie weit geht die Toleranz oder der Konsens?
Welche Grundwerte haben wir.
Aus eigenen Ressourcen schöpfen und den Rechten entgegensetzen,
Öffentliche Grenzmarkierung!
Es zeigte sich natürlich wieder einmal, dass die Grenzen zwischen noch akzeptablem Konservativismus (von dem wir Bündischen alle ein gut Teil mittragen) und Rechtsextremismus fließend sind und auch, dass die Toleranzgrenzen einzelner Mitmenschen äußerst dehnbar sind.
Es war eine sehr gelungene Veranstaltung.
Dem Freien Bildungswerk Balduinstein sei Dank, ganz besonders wanja, der diesen hervorragenden Referenten gewinnen konnte.
Gideon Botsch sei Dank, dass er aus der brodelnden Bundesmetropole den Weg in die verschneite bündische Provinz und vielleicht auch zu seinen eigenen, bündischen Wurzeln fand.

Doris Werheid –schna DF

(1) Ein Schelm, wer Böses dabei (in der Jugendbewegung) denkt! (Ein Beispiel im Buch „Wer trägt die Schwarze Fahne dort.....“von Maik Baumgärtner und Jesko Wrede, erschienen im ARUG- Verlag, Kapitel: Kontakte ins (extrem-)rechte Milieu, Seite 48: „Zuerst wollen wir an einer rechten Milieubildung mitarbeiten (....) deshalb engagieren sich viele unserer Autoren und Redakteure zusätzlich in (....) oder in der Bündischen Jugend“.
(2) Dazu ein weiteres Beispiel aus dem Buch „Wer trägt die schwarze Fahne dort...“, im Kapitel „Völkischer Blätterwald“, Seite 107, heißt es: „...als Deutscher nur gelten kann, wer von deutschen Eltern abstammt und dessen Vorfahren ebenfalls deutscher Volkszugehörigkeit waren“.(....) „aus seiner Haut kann niemand heraus und sein Blut kann auch niemand austauschen“. An dieser Stelle sei auch hingewiesen auf einen Artikel von Prof. Arno Klönne, zu „Erkenntnis und Tat“ – Briefe aus dem Geist der Jugendbewegung, herausgegeben von Siegfried Schmidt im Jahre 1955. Titel: „Wir sind wieder völkisch“ – Zur Jugendarbeit in der Bundesrepublik -.


Jugendbewegung und Abwehr des Rechtsextremismus
Fünf Thesen zur Diskussion

1) Dem Mainstream der heute aktiven Bünde der Jugendbewegung sind rechtsextreme Tendenzen fremd – dies ist in den letzten 20 Jahren immer wieder klar manifestiert worden. Insoweit die Bünde Teil der Gesellschaft sind, finden sich aber auch in ihnen rechtsextreme Tendenzen, sowohl auf der Ebene der Einstellungen als auch des politischen Verhaltens. Einerseits nähern sich Einzelpersonen, Fahrtengruppen oder Bünde aus der Jugendbewegung heraus dem Rechtsextremismus an. Andererseits greifen Organisationen, Medien und Jugendverbände des organisierten Rechtsextremismus („nationale Opposition“) Elemente der Jugendbewegung auf, weil sie davon fasziniert sind oder weil sie sich damit tarnen wollen. Solche Tendenzen sollten nicht einfach toleriert, sondern konfrontiert werden. Gegenüber Gruppen, die rechtsextreme politische Ziele erkennen lassen, gilt das Gebot der Abgrenzung und Ausgrenzung.

2) Es ist die Verantwortung der Jugendbünde, sich zu fragen, welche Charakteristika sie für Rechtsextreme attraktiv machen. Wie jede Jugend-Subkultur ist auch die Jugendbewegung ambivalent. In ihrem Traditionsbestand transportiert sie eine Reihe höchst fragwürdiger Elemente – zum Beispiel in ihren Liederbüchern. Besonders problematisch bleibt der Bezug auf das „klassische“ Bündische Jahrzehnt 1923-1933, als die Bünde der Deutschen Jugendbewegung in den Blickwinkel von Wehrertüchtigung und radikalnationalistischer Mobilisierung gerieten und von deren Trägern instrumentalisiert wurden.

3) Die erfolgreiche Abwehr rechtsextremer Tendenzen beruht auf einer Reihe von Prinzipien, die praktisch erprobt sind, insbesondere: Benennen des Problems; Formulierung eines Konsenses, der den Unterschied zum Rechtsextremismus herausarbeitet; klare Grenzsetzungen; Öffentlichkeit; Abgrenzung auf allen Ebenen. Im Zweifel sollte professionelle Beratung gesucht werden. 4) Diese Abwehr rechtsextremer Tendenzen ist nicht in erster Linie ein Gebot der Moral oder politischen Korrektheit. Sie geschieht aus dem Eigeninteresse der Jugendbewegung heraus. Radikalnationalistische politische Ausrichtung, das Ziel rechtsextremer Jugendverbände, würde die lebendige Kultur der Bünde mittelfristig zerstören.

5) Die Formulierung des eigenen Selbstverständnisses hilft bei der Abgrenzung. Sie sollte aus den eigenen Traditionen und Ressourcen heraus geschehen. Das zentrale Anliegen der Deutschen Jugendbewegung war die Erringung von Räumen jugendlicher Autonomie jenseits von Familie, Staat, Schule, Kirchen, Parteien und Verbänden, den Organen der Jugendpflege und kommerziellen Freizeitangeboten. Dieses Anliegen zieht sich vom Urwandervogel über den Meißnertag 1913, die autonomen Jungenschaften der 1930er, die Bündische Illegalität der NS-Zeit und die Neuanfänge der Nachkriegszeit bis zu den Waldeck-Festivals und der Fahrtenkultur der Gegenwart. In dieser Hinsicht steht die Jugendbewegung den politischen Anliegen der völkischen und radikalnationalistischen Kräfte diametral gegenüber.

Gideon Botsch, Burg Balduinstein im Januar 2010