5. März 2004 / Kochshof

Jean Jülich las aus seinem Buch
"Kohldampf, Knast un Kamelle"
Bericht von Papino (DF)










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Es ist schon dunkel als unser Auto auf den Parkplatz am Kochshof rollt - erstaunt stelle ich fest, das die Fahrzeuge schon dicht an dicht stehen und das an diesem Freitagabend, an dem kein rauschendes Fest auf dem Programm steht, sondern eine Lesung des Kölners Jean Jülich, der uns allen von seinem bewegten Fahrtenleben und Überleben als Edelweißpirat im zweiten Weltkrieg erzählen wird.

Als Jean langsam sein Mikrophon zurecht rückt wird es allmählich still in der Scheune, so still, dass man die Spannung die im Raum auf und ab geht, deutlich spürt. Und so beginnt Jean von seiner Kindheit zu erzählen. Vom Vater der Funktionär in der Kommunistischen Partei war und sich somit schon 1932 in der Öffentlichkeit vorsichtig bewegen musste, von der Ehe der Eltern, die faktisch nicht mehr bestand, was zur Folge hatte, das Jean 1933 zu den Großeltern kam. Er erzählt davon wie es sich anfühlt, miterleben zu müssen, wie der eigene Vater 1936 von der SS misshandelt und abgeführt wurde. Auch seine Großmutter und Tante wurden inhaftiert und mussten ein halbes Jahr im Gefängnis verbringen. Jean bleibt zurück und nach kurzem Aufenthalt bei einer anderen Tante landet er, gerade mal sieben Jahre alt, im Waisenhaus, dem sogenannten Klapperhof, der von Nonnen die Jean als Ungeheuern in Schwesterntracht erlebt, geleitet wird. Nachdem seine Großmutter ihn wieder zu sich geholt hat beschreibt er sich als verklemmt, ängstlich und sehr verschüchtert.

Nun greift Jean zu seinem Buch und beginnt zu lesen
" ... Im Spätherbst 1942, war ich auf eine Gruppe von Jugendlichen aufmerksam geworden, die sich allabendlich in Sülz auf dem Manderscheider Platz traf..... die Jungen hatten lange Haare statt der streichholzkurzen Nazistoppeln, sie trugen kurze Hosen mit Lederbesatz, karierte Hemden und Halstücher und wuchtige Kraftriemchen an den Handgelenken auf denen ein Edelweiß abgebildet war. Die Mädchen trugen Faltenröcke. Sie sangen Lieder, die mir bis dahin völlig unbekannt waren, und begleiteten sich auf ihren Gitarren. Diese Jungen und Mädchen sprachen mich spontan an. Sie strahlten etwas Unangepasstes und Romantisches aus, nicht den engstirnigen Drill der Hitlerjugend. Auch ihre Lieder gefielen mir besser. Es waren russische Lieder, Cowboylieder und Schlagerschnulzen... "

Dies nur als kleinen Ausschnitt aus Jean Buch. Sehr gut kann ich mir diese jungen Menschen vorstellen, die Ihre Lieder zur Klampfe sangen, im Siebengebirge tippelten und sich mit anderen Edelweißpiraten aus Köln und der Umgebung am Blauen See trafen, um das herrliche Gefühl zu genießen, weit weg von allen Zwängen zu sein, weg aus der zerbombten Stadt, fern des Alltags im Krieg und vielleicht auch um einfach jung zu sein - um zu leben. Jean Gruppe trifft sich weiterhin, zahlreiche Streiche werden ausgeheckt, auch solche, die man nicht als Dummejungenstreiche bezeichnen kann. Durch diese versuchten die Edelweißpiraten, den verhassten Obernazis Schaden zuzufügen. Trotzdem verstanden sie sich in erster Linie nicht als politische Widerstandskämpfer.

Im Oktober 1944 wird Jean Jülich von der Gestapo verhaftet und in Brauweiler inhaftiert. Wie durch ein Wunder überlebt er Hunger, Misshandlungen, Folter, Krankheiten, Kälte und die Angst. Für mich ist es kaum vorstellbar wie sich ein fünfzehnjähriger junger Mann in dieser schrecklichen Zeit gefühlt haben muss.

Am Ende seines Vortrages singt Jean Jülich zur Klampfe ein Lied für uns, er hat uns einen Einblick gegeben wie es war, anders zu sein in dieser anderen Zeit. Wie die Justiz heute noch mit "echtem und unechtem" Widerstand im dritten Reich umgeht und davon, das er nie seine Kameraden und Gefährten vergessen wird die in diesem Kampf ihr Leben lassen mussten.

Einen Moment ist es ganz still, ich höre das Feuer im Kamin knistern, und ich sehe in die Gesichter von jungen Pimpfen von weitgereisten und lebenserfahrenen Menschen, ich sehe meine Freunde und alle die sich an diesem Freitag auf dem Hof trafen um eben nicht eine weitere Party zu feiern, sondern um zuzuhören, um zu lernen und um ein wenig nachzudenken über diese Zeit in der das Leben so anders war. Für alle die Jean Jülichs Geschichte nachlesen wollen: "Kohldampf, Knast un Kamelle ein Edelweißpirat erzählt sein Leben" Hier erfährt man auch wie das Leben weiterging für Jean.

PAPINO (Horte Alexandra DF)

Begleitet wurde die Lesung von Liedbeiträgen des Kölschen Klüngels (ZV), Stamm GrafLuckner (DPB Mosaik) und den Molko-Brothers (ZV).

Und HIER ein paar Bilder vom Abend!