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Es ist schon dunkel als unser Auto auf den Parkplatz am Kochshof rollt
- erstaunt stelle ich fest, das die Fahrzeuge schon dicht an dicht stehen
und das an diesem Freitagabend, an dem kein rauschendes Fest auf dem Programm
steht, sondern eine Lesung des Kölners Jean Jülich, der uns allen von
seinem bewegten Fahrtenleben und Überleben als Edelweißpirat im zweiten
Weltkrieg erzählen wird.
Als Jean langsam sein Mikrophon zurecht rückt wird es allmählich still
in der Scheune, so still, dass man die Spannung die im Raum auf und ab
geht, deutlich spürt. Und so beginnt Jean von seiner Kindheit zu erzählen.
Vom Vater der Funktionär in der Kommunistischen Partei war und sich somit
schon 1932 in der Öffentlichkeit vorsichtig bewegen musste, von der Ehe
der Eltern, die faktisch nicht mehr bestand, was zur Folge hatte, das
Jean 1933 zu den Großeltern kam. Er erzählt davon wie es sich anfühlt,
miterleben zu müssen, wie der eigene Vater 1936 von der SS misshandelt
und abgeführt wurde. Auch seine Großmutter und Tante wurden inhaftiert
und mussten ein halbes Jahr im Gefängnis verbringen. Jean bleibt zurück
und nach kurzem Aufenthalt bei einer anderen Tante landet er, gerade mal
sieben Jahre alt, im Waisenhaus, dem sogenannten Klapperhof, der von Nonnen
die Jean als Ungeheuern in Schwesterntracht erlebt, geleitet wird. Nachdem
seine Großmutter ihn wieder zu sich geholt hat beschreibt er sich als
verklemmt, ängstlich und sehr verschüchtert.
Nun greift Jean zu seinem Buch und beginnt zu lesen
" ... Im Spätherbst 1942, war ich auf eine Gruppe von Jugendlichen
aufmerksam geworden, die sich allabendlich in Sülz auf dem Manderscheider
Platz traf..... die Jungen hatten lange Haare statt der streichholzkurzen
Nazistoppeln, sie trugen kurze Hosen mit Lederbesatz, karierte Hemden
und Halstücher und wuchtige Kraftriemchen an den Handgelenken auf denen
ein Edelweiß abgebildet war. Die Mädchen trugen Faltenröcke. Sie sangen
Lieder, die mir bis dahin völlig unbekannt waren, und begleiteten sich
auf ihren Gitarren. Diese Jungen und Mädchen sprachen mich spontan an.
Sie strahlten etwas Unangepasstes und Romantisches aus, nicht den engstirnigen
Drill der Hitlerjugend. Auch ihre Lieder gefielen mir besser. Es waren
russische Lieder, Cowboylieder und Schlagerschnulzen... "
Dies nur als kleinen Ausschnitt aus Jean Buch. Sehr gut kann ich mir diese
jungen Menschen vorstellen, die Ihre Lieder zur Klampfe sangen, im Siebengebirge
tippelten und sich mit anderen Edelweißpiraten aus Köln und der Umgebung
am Blauen See trafen, um das herrliche Gefühl zu genießen, weit weg von
allen Zwängen zu sein, weg aus der zerbombten Stadt, fern des Alltags
im Krieg und vielleicht auch um einfach jung zu sein - um zu leben. Jean
Gruppe trifft sich weiterhin, zahlreiche Streiche werden ausgeheckt, auch
solche, die man nicht als Dummejungenstreiche bezeichnen kann. Durch diese
versuchten die Edelweißpiraten, den verhassten Obernazis Schaden zuzufügen.
Trotzdem verstanden sie sich in erster Linie nicht als politische Widerstandskämpfer.
Im Oktober 1944 wird Jean Jülich von der Gestapo verhaftet und in Brauweiler
inhaftiert. Wie durch ein Wunder überlebt er Hunger, Misshandlungen, Folter,
Krankheiten, Kälte und die Angst. Für mich ist es kaum vorstellbar wie
sich ein fünfzehnjähriger junger Mann in dieser schrecklichen Zeit gefühlt
haben muss.
Am Ende seines Vortrages singt Jean Jülich zur Klampfe ein Lied für uns,
er hat uns einen Einblick gegeben wie es war, anders zu sein in dieser
anderen Zeit. Wie die Justiz heute noch mit "echtem und unechtem"
Widerstand im dritten Reich umgeht und davon, das er nie seine Kameraden
und Gefährten vergessen wird die in diesem Kampf ihr Leben lassen mussten.
Einen Moment ist es ganz still, ich höre das Feuer im Kamin knistern,
und ich sehe in die Gesichter von jungen Pimpfen von weitgereisten und
lebenserfahrenen Menschen, ich sehe meine Freunde und alle die sich an
diesem Freitag auf dem Hof trafen um eben nicht eine weitere Party zu
feiern, sondern um zuzuhören, um zu lernen und um ein wenig nachzudenken
über diese Zeit in der das Leben so anders war. Für alle die Jean Jülichs
Geschichte nachlesen wollen: "Kohldampf,
Knast un Kamelle ein Edelweißpirat erzählt sein Leben" Hier erfährt
man auch wie das Leben weiterging für Jean.
PAPINO (Horte Alexandra DF)
Begleitet wurde die Lesung von Liedbeiträgen des Kölschen Klüngels
(ZV), Stamm GrafLuckner (DPB Mosaik) und den Molko-Brothers (ZV).
Und HIER ein paar Bilder
vom Abend!
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