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vorgestellt von Patrick 6/03
Ich weiß, das Buch ist dick und nicht ganz billig, trotzdem will ich hier
eine Lanze dafür brechen.
Die Herero sind ein Hirtenvolk in Namibia, und als die Gegend Deutsch-Südwestafrika
hieß, hatten sie auf einmal keine Lust mehr, sich von den Deutschen über's
Ohr hauen zu lassen, und ihr Land gegen Schnaps und Schießpulver einzutauschen.
Das war Anfang 1904, gerade als der Kartograph Carl Ettmann, Berlins überdrüssig,
für die Kolonialverwaltung als Kartenzeichner nach Deutsch-Südwest gelangt.
Gerade nachdem er eine faszinierende junge Frau, Fotografin, kennengelernt
hat, wird er wegen des Herero-Aufstandes zu den Kolonialtruppen eingezogen-
wie alle Männer in Namibia damals (Nur zur Verdeutlichung: Die Kolonie
war flächenmäßig gut und gerne 1 1/2 mal so groß wie das Deutsche Reich
und hatte 3 Kompanien - also etwa 450 Mann - zur Verteidigung). Er wird
nun kreuz und quer durch das riesige und leere Land kommandiert, erlebt
Schlachten und Gemetzel, und fragt sich immer mehr was das ganze eigentlich
soll.
Seyfried - vielleicht einigen als Anarcho-Comic-Zeichner bekannt - entwirft
hier kein Historama à la "Fackeln im Sturm", sondern bemüht sich, dieses
fast vergessene Kapitel deutscher Geschichte differenziert und spannend
wieder an die Oberfläche zu holen. Er stützt sich dabei auf alte Unterlagen,
die er immer wieder in den Text einbindet. Und es ist erschütternd zusehen,
wie "wir" damals mit "den Wilden" umgesprungen sind. Allein die Frage,
ob sie Menschen seien, war im öffentlichen Diskurs offen, und zur Behandlung
der Gefangenen und Überlebenden gab es zwei Standpunkte: In die Wüste
schicken und verrecken lassen, oder als Arbeitssklaven deportieren. Solange
nur die Kolonialtruppen mit der Niederschlagung des Aufstandes beschäftigt
waren, könnte man fast von einer fairen Auseinandersetzung sprechen (gibt
es sowas im Krieg?), aber im Laufe des Jahres 1904 kommen mehrere tausend
deutsche Soldaten ins Land, und aus dem Krieg wird eine Treibjagd, die
für die Herero tragische endet: Von den (geschätzt) 80000 Herero werden
1905 noch 15000 übrig sein.
Wobei mit der Niederschlagung des Herero-Aufstandes die Geschichte nicht
endet: ab Herbst 1904 erheben sich im Süden Deutsch-Südwestafrikas die
Nama (Hottentotten), und zufällig beginnt genau dort, wo "Herero" von
Seyfried endet "Morenga" von Uwe Timm (dtv 12725, 11,-?), wo der einzige
anarchistische Veterinär der kaiserlichen berittenen Infanterie eine bedeutende
Nebenrolle spielt...
Für all' uns an der Geschichte der Jugendbewegung Interessierten mag der
Auftritt zweier Männer in Nebenrollen aufschlußreich sein: Ein gewisser
Maximilian Beyer der 1911 in Berlin-Tempelhof den DPB gründen wird ist
Hauptmann im Stab des Generals (und Schlächters) v. Trotha, dessen Neffe
als Zugführer in einer Kompanie seines Onkels ebenfalls dort dient. Der
wird dann in Munsterlager 1933 Führer des Großdeutschen Bundes, dem letzten
Versuch der bündischen Jugend, dem Verbot durch die Nazis zu entgehen.
(Wenn man denn noch bedenkt, daß Sir Robert Baden Powell die Idee zur
Gründung der Boy Scouts gerade mal 5 Jahre vor den Ereignissen in "Herero"
während des Burenkrieges in der englischen Kapkolonie, dem heutigen Südafrika,
also direkt nebenan, bekam, und dann noch berücksichtigt, daß in dieser
Auseinandersetzung die Briten die geafangenen Buren in "Concentration-Camps"
steckten, und die gefangenen Herero und Nama 5 Jahre später in Namibia
ihr Dasein in "Konzentrationslagern" fristeten...dann bekommt man eine
Idee davon, was für einen Einfluß das südliche Afrika auf die Behandlung
von Menschen hat!)
Patrick
E_MAIL: paul-goeser@foni.net
Gerhard Seyfried, Herero
Eichborn Berlin 2003, 29,90 €, 588 S.
ISBN 3-8218-0873-X
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