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Wie klingt Geschichte? Diese spannende Frage greifen die beiden Herausgeber im Vorwort auf und verbinden sie mit der Generationenthematik: „Hat jede Generation ihr Lied ein Lied, viele Lieder? Was bedeutet es für Lieder, wenn der Generationenhorizont sich verändert, wenn politische Zäsuren zu historischen Brüchen beitragen?“
Die Beiträge spannen den Bogen von „Der Kaiser ist ein lieber Mann schulische Sozialisation im Kaiserreich“ bis hin zu „Music is the key die Loveparade als Katalysator einer Technogeneration?“ Die 26 Aufsätze sind locker chronologisch geordnet und im Inhaltsverzeichnis dezent mit Sternchen in die drei Abteilungen vor, während und nach dem Nationalsozialismus eingeteilt. Es geht einmal längs durch das eben vergangene Jahrhundert in Deutschland, wie mitzudenken ist. Ab den fünfziger Jahren wechseln sich dabei deutsche und englische Liedtitel ab, was wohl spiegelt, wie sich seit den Zeiten des Rock’n’Roll Generationen internationalisieren.
Es wird kaum überraschen, dass man bündisch Bekanntes vor allem in der ersten Abteilung findet, da die Jugendbewegung in dieser Zeit am ehesten für Generationen bestimmend war. Ein bisschen überrascht aber, dass ein Lied gleich zwei Aufsätze abbekommen hat, und zwar „Wildgänse rauschen durch die Nacht“. Das macht neugierig. Im ersten Beitrag präpariert Gerhard Kurz detailliert die „Graue Romantik im Lied von Walter Flex“ (Untertitel) heraus. Aus dem Kontext der Erzählung „Der Wanderer zwischen beiden Welten“, wo es am Anfang steht, und einer eingehenden Interpretation des Textes kommt er zu dem Schluss: „in seinem komplexen und suggestiven Potential enthält das Gedicht verschiedene Verständnisangebote, die aktualisiert werden konnten und können: als nationalistisches heroisch-romantisches Weltkriegsgedicht und als heroisch-romantisches Fahrtengedicht. Als Fahrtenlied wurde es erfolgreich.“ Mit seinem „suggestiven dynamischen Gefühlspotential von Askese, Ordnung, Gewalt, von Schicksal, Schauer und überwältigendem Rausch, der Individualität zugleich auflöst und erhöht, hat das Gedicht eine Mentalität modelliert, die im Nationalsozialismus eine Fortsetzung der großen Fahrt fand.“
Das liest man nicht unbedingt mit Freude, wenn das Lied mitten im eigenen ersten handgeschriebenen Liederbuch steht. Aber es gab noch ganz andere Auseinandersetzungen darum, die Ausgangspunkt des zweiten, von Wilhelm Schepping verfassten Beitrags zu „Wildgänse rauschen“ sind. Er untersucht zur Klärung der Frage, ob das Lied als rechtsradikal einzuordnen ist, nicht nur den Text selbst, sondern geht auch den Verwendungszusammenhängen nach. Dabei fördert er unter anderem zu Tage, dass es in der nationalsozialistischen Weiterverwertung Textveränderungen gab, die das Lied erst der NS-Ideologie anpassten. Aber auch, dass es während der NS-Zeit in verbotenen Gruppierungen, ja sogar im KZ fortlebte und kommt so zu ganz anderen Bewertungen.
Ich habe die beiden Aufsätze so ausführlich zitiert, weil ich sie zum einen in der Gegenüberstellung spannend fand. Sie machen zum anderen aber auch deutlich, welche Bandbreite die Beiträge haben. Der eine oder andere Aufsatz liefert eher eine klassische Textanalyse und Überlieferungsgeschichte. Das ist sicher nicht uninteressant, aber spannender wird es dort, wo es auch um den Platz der jeweiligen Lieder im Leben, ihre spezifische Bedeutung zu bestimmten Zeiten für bestimmte Menschen geht.
Um weiter Appetit zu wecken, hier zusätzlich zu den bereits erwähnten Aufsätzen noch ein paar weitere Auszüge aus dem Inhaltsverzeichnis:
„Brüder zur Sonne zur Freiheit“. Zur Topografie des politischen Liedes im 20. Jahrhundert (von Eckhard John)
„Wir reiten die Sehnsucht tot“ oder: Melancholie als Droge. Anmerkungen zum bündischen Liedgut (mit einem Anhang zu dem Lied „Jenseits des Tales standen ihre Zelte“) (von Jürgen Reulecke)
„Wir lagen vor Madagaskar“. Auf der Suche nach den unbekannten Hintergründen eines bekannten Liedes (von Ute Daniel)
„Und heute gehört uns Deutschland …“ Entstehung und Nachwirkung eines Liedes 19331993 (von Winfried Mogge)
„Lili Marleen“. Eine denkwürdige Liedbiografie (von Wilhelm Schepping)
„Negeraufstand“ in d-moll. Ergebnisse einer Spurensuche (Thorsten Beigel)
Rock around the clock“. Nachkriegsgeneration und Rock’n’Roll in Deutschland 19541958 (von Jürgen Beine)
„I’d love to turn you on“. Der Erinnerungswert des Albums „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ und der Beatles im Kontext seiner kulturellen Wirkung (von Marco Neumaier)
„Neue Männer braucht das Land“. Die „Nationalhymne“ der neuen deutschen Frauenbewegung? (von Sabine Hering)
„Für mich soll’s rote Rosen regnen“. Kultlieder und Kultfiguren der Schwulenbewegung (von Wolfgang Popp)
„Wind of Change“. Hymne einer politischen Wende (Magali Laure Nieradka)
Ich finde die Lektüre anregend für Jugendbewegte, keinesfalls nur weil es um Lieder geht, die vielleicht noch gesungen werden. Es wäre auch sehr spannend, einmal Lieder speziell im jugendbewegten Generationengedächtnis zu untersuchen. Könnte man für verschiedene Generationen typische Lieder ausmachen? Und über die Feststellung hinaus, dass zu bestimmten Zeiten ein Lied oder Liedtypus „Hochkonjunktur“ hatte, den Zusammenhang zur Erfahrung und Lebenswelt dieser Generation herstellen ähnlich dicht wie Jürgen Reulecke es in seinem Beitrag tut? Da könnten sich vielleicht jugendbewegte Geschichte und Lieder gegenseitig erhellen.
Darüber hinaus ließe sich in so einem Projekt womöglich nicht nur über Generationengrenzen, sondern auch über Generationenzusammenhänge nachdenken. Denn auch wenn jede Generation „ihre“ Lieder hat (was auch erst noch festgemacht werden müsste), kommt es ja durchaus vor, dass in bündischen Runden und an Lagerfeuern die „alten“ Lieder von den Jungen gesungen werden. Was bedeutet das? Dass die Jugendbewegten eine geschichtsversessene Bande sind? Dass es andere Formen des Singens gibt als nur das einfühlend einverstandene, ein „historisierendes“ Singen? Oder dass manche Lieder zeitlos sind?
hagzissa
Barbara Stambolis, Jürgen Reulecke (Hg.): Good-bye memories? Lieder im Generationengedächtnis des 20. Jahrhunderts
Klartext Verlag, Essen 2007. 458 Seiten. 27,00 €

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