|
Fenster schliessen
|
Im Jahr 1974 fasst die junge Biologin Carmen Rohrbach den Entschluss, die DDR zu verlassen und zwar über die Ostsee. Zusammen mit ihrem Freund Jürgen bricht sie nachts an der Ostseeküste in der Nähe von Nienhagen auf. Die Ausrüstung besteht wesentlich aus einem Schlauchboot und Neoprenanzügen. Der Plan ist, wegen der Entdeckungsgefahr zunächst zu schwimmen, das wenig aufgeblasene Schlauchboot dabei mitzuziehen und dann in internationalem Gewässer das Schlauchboot voll zu belüften und in ihm paddelnd die dänischen Küste zu erreichen etwa 50 Kilometer weit ist das.
Doch schon gleich nach ihrem Aufbruch begegnen sie einem Wachschiff der Volksmarine. Als sein Suchscheinwerfer das Schlauchboot erfasst, versenkt Jürgen es durch Messerstiche. Vernünftigerweise könnte man danach nur noch zurück, das wäre ohne großes Risiko möglich aber sie entscheiden sich schnell und wortlos, den eigenen Tod kalkulierend anders. Mutig? Verwegen? Verrückt?
Der folgende Schwimm-Marathon über zwei Tage und zwei Nächte steht im Mittelpunkt des Buches. In Rückblenden tauchen Kindheit, Jugend, Studienzeit und die Vorgeschichte der Flucht in der Erinnerung der Schwimmerin auf, unterbrochen vom Erleben des aktuellen Fluchtgeschehens. Wie sich zeigt, ist es nicht die grundsätzliche politische Kritik an der DDR, die zur Republikflucht der Tochter eines überzeugten Parteiaktivisten führt. Es sind die Eingriffe und Beschränkungen des Staates, die im Gegensatz zur Lebensplanung eines jungen Menschen stehen, der von früher Jugend an naturverbunden und freiheitsliebend aufwuchs, dessen größter Wunsch es ist, die fernen Welten zu bereisen und zu erforschen, von denen er in Büchern gelesen hatte.
Die Flucht scheitert. Die Besatzung eines Schiffes der Volksmarine „birgt“ die beiden „in Seenot geratenen“ von einer Fahrwassertonne im internationalen Seeweg und bringt sie zurück in den Staat, dem sie entfliehen wollten. Das letzte Drittel des Buches handelt weitgehend von der unvermeidlich auf die Republikflucht folgende Untersuchungshaft, von der Anklageerhebung, Verurteilung und Strafverbüßung. Die Autorin lernt hier eine andere Wirklichkeit des Arbeiter- und Bauernstaates kennen, eine Wirklichkeit, die ihr ebenso verborgen war, wie den meisten Menschen in der DDR:
„Eine unbekannte Welt lernte ich nun kennen, betrat einen verborgenen Kontinent, und wie Gulliver verschlug es mich an Orte, die einer skurrilen Fantasie entsprungen sein konnten. Meine dramatische Reise dauerte zwei Jahre und führte mich durch die Gefängnisse von Rostock, Halle und Hoheneck. Es war wie ein Abstieg in den Hades, in eine verborgene, mystische Unterwelt. Bisher hatte ich im Licht gelebt, mit einer geschönten Fassade vor Augen, nun sah ich die schamhaft versteckten Hinterhöfe, tauchte ein in Kloaken und Schmutz. Ich begegnete Menschen, die auf der Rückseite des Lebens geboren waren und im Schatten aufwuchsen, und als sie strauchelten, weggeschlossen und hinter Gittern gehalten wurden, damit sie das saubere Bild nicht beflecken.“
Nach zwei Jahren Haft wird Carmen Rohrbach wie viele andere „politische“ Häftlinge der DDR von der Bundesrepublik freigekauft. Sie kann ihr Biologiestudium beenden und auch die Forschungsreisen durchführen, von denen sie seit früher Jugend immer geträumt hatte. Über diese Reisen hat sie in anderen Büchern berichtet, die durchaus das Interesse des/ der einen oder anderen wecken könnte, z. B. die Titel:
„Der weite Himmel über den Anden Zu Fuß zu den Indios in Equador“ und
„Im Reich der Königin von Saba Auf Karawanenwegen im Jemen“.
hagzissa & dadarish
Carmen Rohrbach: Solange ich atme. Ein Lebensbericht. Frederking u. Thaler München 2003, 22 €, 245 S. ISBN 3894054425

|