Kleine Freiheit Loosenau

von Schna(psi)

Kleine Freiheit? Große unendliche Weite! - In einer Zeit, in der die Elterngeneration sich um bescheidenen Wohlstand, das Lehrpersonal um Unauffälligkeit bemühte; wo viele eine "Leiche im Keller" versteckten, aus leidvoller oder schuldhafter Verstrickung, wo Kuschen und Maulhalten, neben Ordnung, Disziplin und Sauberkeit die unantastbaren Säulen der Erziehungsprinzipien darstellten, in einer Zeit der Milchbars mit Nierentischen und Tütenlampen, der Tanztees, drei rote Nelken inklusive, der Petticoats und kleidsamen Innenrollen; als "Fox-tönende Wochenschau" erste musikalisch revolutionäre Bilder und Klänge aus dem fernen Amerika in ein Deutschland der institutionellen Autoritäten hineinblitzte, ja, in eben dieser Zeit war die Loosenau für uns das Falado-Wunderland, der Mikrokosmos, in dem sich entscheidende Jahre, Ver- und Entwicklungen und Erwachsenwerdenkönnen ohne Zwänge abspielten! kleine FreiheitWelch ungeheure Freiheit in diesem engen Tal der Dhünn! Alles war möglich, alles war unser! Da wusste jeder, wohin er gehörte - oder gehören wollte. Da war Jungenschaft Jungenschaft und dort war sie zu Hause. Nerother steckten ihr Barett in die Tasche und Pfadfinder waren halt Pfadfinder. Da hatte man sich nicht vorbehaltlos lieb. Da galt ein gewisser Zugehörigkeitsstolz und der musste verdient sein.

Die Loosenau, ehemals Jugendherberge, dann Kneipe, ein Ort, den man liebte, dass es schmerzte. Die Loosenau, eine Subkultur? - Dort lauschten wir begierig den Erzählungen der Älteren, die sich während der Nazizeit mit der HJ zunächst abenteuerliche Kloppereien am Drehtörchen geliefert hatten. Doch aus dem Bergischen Indianerspiel wurde bald bitterer Ernst, als nach dem Erlass der Sondergesetze gegen Bündische Umtriebe der SD zur Haustür herein marschierte und die, die es nicht lassen wollten, zum Küchenfenster hinaus springen mussten. Still wurde es, wenn Namen genannt wurden, die das, was als Spiel begann, gar nicht oder nur beschädigt an Leib oder Seele, oder beidem überlebt hatten. Das war die Zeit der trotzigen Lieder, alte Lieder aus alten Kisten; es war keine Zeit für neue Lieder: "Thälmann Bataillon", "Moorsoldaten", "Los quatros Generales", Wir reißen hoch die Riesenapparate und kreisen überm Sowjetstaate...","...wir scheißen auf die Bundeswehr...in alle Ewigkeit", "...Ihr lieben Kameraden, wir bleiben uns getreu..." Aber manchmal stimmten die (damaligen) Alten auch ein versöhnliches Liedchen an, "Ich weiß mir ein Plätzchen am Ufer der Dhünn...". Eine wahre Liebeserklärung an die Loosenau und die Menschen, die sie betrieben.

lieschen Da war zunächst das Lieschen, Wirtin und Tochter der ehemaligen Herbergseltern Kühn, und durchaus nicht so niedlich, wie die Verkleinerung des Namens Elisabeth vermuten ließ. Ihr Reich war die Küche, in der der Aerpelschloatkump immer mit Knoblauch ausgerieben wurde, in Riesenpötten die Brühe brodelte und mit dem sonntäglichen Sattemäker (Fester Kuchen) um die Wette duftete. Den Platz hinter dem Tresen, sowie an Lieschens Seite hatte Johann (Kombüchen) eingenommen, als klar wurde, dass Lieschens Mann nicht mehr aus Russland heimkehren würde. (Die Kosakenstiefel mit genagelten Sohlen, die er ihr aus dem kalten Feld geschickt hat, diese Stiefel habe ich noch lange getragen). Johann wirkte bei Tageslicht besehen oft unwirsch und knurrig; bergisch eben. Aber war jemand klamm, erhielt er Kredit, und kam man abgerissen von Großfahrt zurück, so konnte es geschehen, dass ein zerknitterter Schein aus Johanns Hosentasche seinen Besitzer wechselte. Er hatte ein gutes Herz und es im Übrigen auch nicht ganz leicht. In einer mächtigen Knoblauchwolke pröttelte noch viele Jahre der alte Vater Kühn im Haus herum, gab unverständliche Gesundheitstipps, hegte seine Kräuter und Kaninchen und durfte auf keinen Fall erfahren, wenn uns Johann bei bitterem Frost im Heu über dem Kaninchenstall schlafen ließ. Wir wurden dort über Nacht eingeschlossen und erst am Morgen heimlich wieder herausgelassen. - Notdurft? Na, wie die Kaninchen eben! Sehr, sehr böse war Vater Kühn eines Sonntagmorgens, als seine Lucie mittels Pinsel und weißer Farbe über Nacht vom Esel zum Zebra mutiert war- Viele wollen an dieser Schandtat beteiligt gewesen sein, aber den wahren Übeltäter hat man nie gefasst. Unvergesslich ist auch Mia, blond, gerüscht und immer freundlich behielt sie die Übersicht über Kommen und Gehen, offene und bezahlte Deckel, Freuden und Kümmernisse im Chaos, das keinen Zentimeter Fußboden freihielt und sich ebenfalls in den tiefen Fensternischen und Wandschränken breit machte. Die Luft war zum Schneiden, denn schon damals gehörte zum vermeintlichen Erwachsensein eine Pfeife oder die Kippe.



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Das Stakkato der Soldatenlieder wechselte über Zupfgeigenschrumm zum spanischen Schlag oder mehrstimmigen a capella Gesang, dazu unendlich viele schöne Geschichten. Interner Knatsch wurde offen und lautstark ausgetragen, gegenüber fremden "Aggressoren" gab es hingegen auch so genannte Fehdebriefe und die daraus folgenden handfesten Auseinandersetzungen. (Wie schon gesagt, man hatte sich nicht einfach so lieb). Und wenn sich mit zunehmender Motorisierung der Gesellschaft auch mal "normale Besucher" in die Aue verirrten, um den Klimperbrüdern zuzusehen und zuzuhören, dann war das eine willkommene Gelegenheit für eine schnelle Mark: Krakowiak auf dem Tisch, Kopfstand auf dem Gartenstuhl oder Balanceakt zwischen Gebiss und Stuhllehne. Man war ganz gut in Form!

Ein weiterer, jedoch tierischer Bewohner der Aue hat sich unauslöschlich in unsere Herzen gebellt: Lumpi, schwarze Promenadenmischung mit schrägem Blick und gedrehter Rute, gedrillt auf das Wort "Feierabend"! - "Feierabend" brüllte Johann, und das hieß soviel wie "last order" und erlaubte die hektische Bestellung von mindestens noch drei Stubbi-Runden, begleitet von Lumpis heiserem Gekläff. "Feierabend" schrie aber auch das Lieschen und kam behände aus der Küche gestürzt, wenn sie dort wieder einmal politische Gesänge hörte. Die Repressalien in der Nazizeit und die Observation durch den Verfassungsschutz - nach einem Treffen von FDJ-Führern in den fünfziger - Jahren - hatten sie traumatisiert. (Die FDJ gab es in den ersten Jahren nach 1945 auch im Westen).

Aber nicht nur ungeliebte Klänge drangen an ihr Ohr. Wie mit Röntgenaugen bemerkte sie durch mehrere Mauern jegliche Annäherungen zwischen Männlein und Weiblein. Dann bellte sie gleich:" Wennert esu nüödisch hat, joht doch in d`r Bösch"! Ertappt fuhren die so geschmähten auseinander, trotzdem sollen viele bündische Ehen dort ihren Anfang genommen haben; die Schlafplätze Tannenwäldchen, Lümmelwiese und auch die Scheune vom Kochshof könnten da so manches Liedlein singen.

johann, schna und pitju Konzentration und eine ruhige Hand benötigten die Spieler beim "Schiffeversenken" im Gläserspülbecken, und wenn sich dann hin und wieder Lieschen aus ihrer Küche dazu gesellte, ihre recht dunkle Millesfleures-Schürze auf dem Tresen ausbreitete, um ihren linken Unterarm darauf zu betten, dann versprach es, eine lange Nacht zu werden. Aber nicht nur "intra muros" spielte sich das Leben ab. Auf dem sanftgewölbten Steg über die Dhünn, der Seufzerbrücke, wurden Stunden, Tage und Nächte lang Liebe, Leid und Lust erörtert.

Die Loosenau war der natürliche Mittelpunkt im Radius der Fahrten und Großfahrten. Hier nahm alles seinen Anfang und hierhin kehrte man zurück und "...erzählte, wie es war". Jede Fahrt brachte ein Stück Welt herein, aus fremden Klängen, glühenden Farben, berauschenden Düften und komprimierte dies; aus Erfahrungen und Erlebnissen, die wachsen und reifen ließen. Dazu das jahrelang gelebte Miteinander zwischen Heranwachsenden und Älteren, zwischen Schülern, Lehrlingen und Arbeitern, zwischen Studierenden und Studierten, Erfolgreiche und geknickte Biographien, das ergab das Konglomerat, aus dem sich die Wegzehrung für die individuellen Lebenswege mischte. Der Mythos Loosenau letztlich entlarvt als ganz gewöhnliche Kneipe? Er/Sie ist genau so Unbeschreiblich wie die Frage: "Was ist Bündisch?", an der sich schon viele Kluge versucht haben. Auch die Loosenau bleibt vielschichtig und unerklärbar.

Für mich war sie eine betörende, bündische Heimat.

Schna(psi)

Patenbrief 2000/2001
Deutsche Freischar 2/2001