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"Fährst Du Freitag mit?"
"Wohin?"
"Zu den alten Düsseldorfern!"
Wer
oder was verbirgt sich dahinter? Nun, ein Kreis äußerst agiler Damen und
Herren, alle um die 80 Jahre alt, die sich seit nunmehr 20 Jahren einmal
im Monat treffen; befrachtet mit Liederbüchern, Guitarren und einer Fülle
von Erinnerungen an ein freies, oftmals nicht unbeschwertes Fahrtenleben.
Anfang der 80er Jahre spürte Tanzbär (Kurt Schmidt+) seine alten Fahrtenbrüder
auf und begründete die ersten Treffen. Bald gesellten sich weitere Ehemalige
aus damals verbotenen Bünden und wilden Haufen dazu, so daß der Kreis
schnell auf 40 Menschen anwuchs. Glücklicherweise blieben sie nicht beim
sentimentalen Rückblick in die eigene Jugend stecken, sondern suchten
den Kontakt zu aktiven Bünden im Bergischen (Johanneshammer, Engelshagen,
Kochshof) und auf der Waldeck. Viele folgten gerne den herzlichen Einladungen
und so erweiterte und verjüngte sich die Runde um Pfadfinder, bes. Grauer
Reiter, Zugvogel und Freischar.
Beeindruckend
neben dem guten Miteinander der Generationen waren und sind immer wieder
die Fahrtenberichte der "Alten Düsseldorfer" aus der "Verbotenen Zeit"!
Stellvertretend, auch für die, die schon ihre letzte GROSSE FAHRT angetreten
haben, seien im Folgenden einige Erinnerungen von Sändi aufgezeichnet.
Sändi (Helmut Sandvoss) geb. 1921 in Düsseldorf. Ein Vetter, im Bund "Neues
Deutschland", brachte mit seinen Erzählungen den jungen Helmut auf den
Geschmack. Da dieser jedoch nicht die Höhere Schule besuchte, fand er
im ND keine Aufnahme!!! So kam er 1932 zu den St. Georgspfadfindern, lernte
Lieder und Fahrten kennen.
"Am Heimabend haben wir nur gesungen und gemaulfechtet, mit dem heutigen
Sozialgedöhns hatten wir nichts am Hut!"
Auch an eine "Nordlandgroßfahrt" kann sich Sändi augenzwinkernd erinnern.
Jeder Pfadfinder mußte dafür 7 RM erbringen, schier unerschwingliche Mittel
in Zeiten großer Arbeitslosigkeit. Ein Handlungsgehilfe z.B. hatte einen
Stundenlohn von 0,60 RM. -Der Verkauf von Pfadfinderpostkarten, das Stück
zu 20 Pf, davon 5 Pf in die Reisekasse, erwies sich nicht gerade als Verkaufsschlager,
aber irgendwie kam das Geld dann doch zusammen und die "Nordlandgroßfahrt"
konnte beginnen. Per Lkw ging es vom Heim los, mit dabei: Sändi, Stickum,
Dotz und Bob. - In der DJH Alpen am Niederrhein waren dann bald das Ziel
und der "Norden " erreicht!!!
Mit dem Verbot der Bünde ab 1933 zerfiel auch diese Gruppe und die Jungen
liefen auseinander. Erst Jahre später, 1937/38, trafen sich einige zufällig
als "Eckensteher" am Café Rohr wieder, u.a. Sändi und Stickum, und beschlossen,
das viel zu kurz genossene Fahrtenleben, trotz des bestehenden Verbots
(Gesetz gegen Bündische Umtriebe), in veränderter Form und eigener Verantwortung
wieder aufzunehmen.

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Zeitgleich entstanden viele solcher wilden Gruppen im Rheinland und im
Bergischen. Sändi zählt allein in Düsseldorf die Gerresheimer, Derendorfer,
Altstädter, sowie die vom Floragarten und eben auch die vom Cafe Rohr
dazu. Kluft im eigentlichen Sinne durften sie nicht tragen, trotzdem gab
es ein einheitliches "Räuberzivil": weiße Socken, kurze Hose, kariertes
Hemd und Windbluse. Wochenende für Wochenende fuhren sie mit den Rädern
an ihre verschwiegenen Treffpunkte, ins Anger-, Neander-, Agger- und Ahrtal,
in die Eifel, das Siebengebirge (Schächte) und ins Bergische, ebenfalls
in die Loosenau. Plätze, deren Beliebtheit sich auch in die Nachkriegsbünde
transportierte. Man
wollte, ja man durfte nicht auffallen, trotzdem kam es hier und da zu
ungeplanten Zusammenstößen mit der HJ, die nicht immer so glimpflich abliefen,
wie ein zufälliges Treffen mit einigen jungen BDM-Führerinnen 1939 im
Angertal. Die Mädchen waren anscheinend sehr begeistert von diesen feschen
Burschen, die so ganz anders auftraten, als die HJ-ler, und sie wünschten
sich weitere Verabredungen. "Gut, aber nur ohne diese Uniform!" war die
unmißverständliche Antwort. Und tatsächlich, beim nächsten Mal erschienen
sie im gefälligen, sommerlichen Blümchenkleid!!! "Ja, wir hatten auch
oft Mädchen dabei, genau so kernig wie wir Jungen. Das hat uns imponiert.
Und außerdem waren wir ja alle im entsprechenden Alter!" erinnert sich
Sändi verschmitzt.
Ostern1940, nach einer Radtour ins Ahrtal, gerieten sie in Köln in eine
Großrazzia von Polizei, Streifendienst und Gestapo. - "Viele Hunderte
gingen denen damals ins Netz!"- Sändis Gruppe kam zunächst in den " Klingelpütz",
30 Personen in eine Zelle. Die Luft wurde knapp. Noch in der Nacht wurden
sie nach Brauweiler verbracht, einer ehem. Trinkerheilanstalt vor den
Toren Kölns. Das Gepäck wurde gefilzt, wobei ein gefundenes Messer, ein
sog. Puko, auf eine vermeintliche Mitgliedschaft in der d.j.1.11. hindeutete.
Die
Burschen konnten aber glaubhaft versichern, eine solche Gruppe nicht einmal
dem Namen nach zu kennen. Zwei Tage dauerten die Verhöre, die Fragen nach
Namen Führern, Verbindungen, dann wurden sie mit entsprechenden Ermahnungen
entlassen. Währenddessen waren die ahnungslosen Familien in heller Aufregung.
Sändi hatte Glück in seiner Firma, der Vorgesetzte ließ dem unentschuldigten
Fernbleiben vom Arbeitsplatz keine Konsequenzen folgen.-"War wahrscheinlich
ein Sozi!" vermutet Sändi. Viele wurden mehrfach verhaftet und blieben
für kürzere oder längere Zeit inhaftiert. Trotzdem besteht Sändi nachdrücklich
darauf, daß sie zwar den Fängen der HJ w i d e r s t a n d e n hätten,
jedoch k e i n e WIDERSTÄNDLER im politischen Sinne waren!
"Wir wollten einfach nur auf Fahrt gehen und das so lange, wie möglich!"
Im März 1941 war das dann für Sändi vorbei; er wurde eingezogen. Im Nov.
des gleichen Jahres brachte ihn eine Verwundung zunächst ins Lazarett,
dann auf Heimaturlaub und anschließend in eine sog. Genesungskompanie.
Und diese Kompanie war, na, wie fein, ...in Düsseldorf stationiert! Wann
immer er sich abseilen konnte, holte er die Fahrtenklamotten aus dem häuslichen
Kleiderschrank und zog erneut los. Die meisten seiner Fahrtenbrüder waren
im Krieg und doch fanden sich wieder Jüngere, die auf den alten, heimlichen
Pfaden unterwegs waren. Das waren seine letzten Fahrten, bevor es 1943
zum erneuten Fronteinsatz kam. Der Krieg, jeder Krieg, verändert Vieles
und Viele.
Aber
trotzdem haben sich die "Alten Düsseldorfer" ihre Erinnerungen an Nächte
am Feuer, an Lieder der Sehnsucht und Gefühle von Freiheit erhalten und
dazu ein Leuchten in den gar nicht alten Augen. Gesungen wird heutzutage
mit vielen Aktiven und Ehemaligen aus den unterschiedlichsten Bünden.
"Fährst Du Freitag mit nach Düsseldorf?"
"Klar, ich komme mit!"
alle Rechte bei Schna(psi) doriswerheid@aol.com
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