WIR WOLLTEN DOCH EINFACH NUR AUF FAHRT GEHEN

"Fährst Du Freitag mit?"
"Wohin?"
"Zu den alten Düsseldorfern!"

Stickum, Saendi, Duda, Tanzbaer 1939 im AngertalWer oder was verbirgt sich dahinter? Nun, ein Kreis äußerst agiler Damen und Herren, alle um die 80 Jahre alt, die sich seit nunmehr 20 Jahren einmal im Monat treffen; befrachtet mit Liederbüchern, Guitarren und einer Fülle von Erinnerungen an ein freies, oftmals nicht unbeschwertes Fahrtenleben.

Anfang der 80er Jahre spürte Tanzbär (Kurt Schmidt+) seine alten Fahrtenbrüder auf und begründete die ersten Treffen. Bald gesellten sich weitere Ehemalige aus damals verbotenen Bünden und wilden Haufen dazu, so daß der Kreis schnell auf 40 Menschen anwuchs. Glücklicherweise blieben sie nicht beim sentimentalen Rückblick in die eigene Jugend stecken, sondern suchten den Kontakt zu aktiven Bünden im Bergischen (Johanneshammer, Engelshagen, Kochshof) und auf der Waldeck. Viele folgten gerne den herzlichen Einladungen und so erweiterte und verjüngte sich die Runde um Pfadfinder, bes. Grauer Reiter, Zugvogel und Freischar.
Saendi 1943Beeindruckend neben dem guten Miteinander der Generationen waren und sind immer wieder die Fahrtenberichte der "Alten Düsseldorfer" aus der "Verbotenen Zeit"! Stellvertretend, auch für die, die schon ihre letzte GROSSE FAHRT angetreten haben, seien im Folgenden einige Erinnerungen von Sändi aufgezeichnet.

Sändi (Helmut Sandvoss) geb. 1921 in Düsseldorf. Ein Vetter, im Bund "Neues Deutschland", brachte mit seinen Erzählungen den jungen Helmut auf den Geschmack. Da dieser jedoch nicht die Höhere Schule besuchte, fand er im ND keine Aufnahme!!! So kam er 1932 zu den St. Georgspfadfindern, lernte Lieder und Fahrten kennen.
"Am Heimabend haben wir nur gesungen und gemaulfechtet, mit dem heutigen Sozialgedöhns hatten wir nichts am Hut!"

Auch an eine "Nordlandgroßfahrt" kann sich Sändi augenzwinkernd erinnern. Jeder Pfadfinder mußte dafür 7 RM erbringen, schier unerschwingliche Mittel in Zeiten großer Arbeitslosigkeit. Ein Handlungsgehilfe z.B. hatte einen Stundenlohn von 0,60 RM. -Der Verkauf von Pfadfinderpostkarten, das Stück zu 20 Pf, davon 5 Pf in die Reisekasse, erwies sich nicht gerade als Verkaufsschlager, aber irgendwie kam das Geld dann doch zusammen und die "Nordlandgroßfahrt" konnte beginnen. Per Lkw ging es vom Heim los, mit dabei: Sändi, Stickum, Dotz und Bob. - In der DJH Alpen am Niederrhein waren dann bald das Ziel und der "Norden " erreicht!!!

Osterfahrt 1940
Mit dem Verbot der Bünde ab 1933 zerfiel auch diese Gruppe und die Jungen liefen auseinander. Erst Jahre später, 1937/38, trafen sich einige zufällig als "Eckensteher" am Café Rohr wieder, u.a. Sändi und Stickum, und beschlossen, das viel zu kurz genossene Fahrtenleben, trotz des bestehenden Verbots (Gesetz gegen Bündische Umtriebe), in veränderter Form und eigener Verantwortung wieder aufzunehmen.



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Zeitgleich entstanden viele solcher wilden Gruppen im Rheinland und im Bergischen. Sändi zählt allein in Düsseldorf die Gerresheimer, Derendorfer, Altstädter, sowie die vom Floragarten und eben auch die vom Cafe Rohr dazu. Kluft im eigentlichen Sinne durften sie nicht tragen, trotzdem gab es ein einheitliches "Räuberzivil": weiße Socken, kurze Hose, kariertes Hemd und Windbluse. Wochenende für Wochenende fuhren sie mit den Rädern an ihre verschwiegenen Treffpunkte, ins Anger-, Neander-, Agger- und Ahrtal, in die Eifel, das Siebengebirge (Schächte) und ins Bergische, ebenfalls in die Loosenau. Plätze, deren Beliebtheit sich auch in die Nachkriegsbünde transportierte. 1939 im AngertalMan wollte, ja man durfte nicht auffallen, trotzdem kam es hier und da zu ungeplanten Zusammenstößen mit der HJ, die nicht immer so glimpflich abliefen, wie ein zufälliges Treffen mit einigen jungen BDM-Führerinnen 1939 im Angertal. Die Mädchen waren anscheinend sehr begeistert von diesen feschen Burschen, die so ganz anders auftraten, als die HJ-ler, und sie wünschten sich weitere Verabredungen. "Gut, aber nur ohne diese Uniform!" war die unmißverständliche Antwort. Und tatsächlich, beim nächsten Mal erschienen sie im gefälligen, sommerlichen Blümchenkleid!!! "Ja, wir hatten auch oft Mädchen dabei, genau so kernig wie wir Jungen. Das hat uns imponiert. Und außerdem waren wir ja alle im entsprechenden Alter!" erinnert sich Sändi verschmitzt.

Ostern1940, nach einer Radtour ins Ahrtal, gerieten sie in Köln in eine Großrazzia von Polizei, Streifendienst und Gestapo. - "Viele Hunderte gingen denen damals ins Netz!"- Sändis Gruppe kam zunächst in den " Klingelpütz", 30 Personen in eine Zelle. Die Luft wurde knapp. Noch in der Nacht wurden sie nach Brauweiler verbracht, einer ehem. Trinkerheilanstalt vor den Toren Kölns. Das Gepäck wurde gefilzt, wobei ein gefundenes Messer, ein sog. Puko, auf eine vermeintliche Mitgliedschaft in der d.j.1.11. hindeutete. Die Burschen konnten aber glaubhaft versichern, eine solche Gruppe nicht einmal dem Namen nach zu kennen. Zwei Tage dauerten die Verhöre, die Fragen nach Namen Führern, Verbindungen, dann wurden sie mit entsprechenden Ermahnungen entlassen. Währenddessen waren die ahnungslosen Familien in heller Aufregung. Sändi hatte Glück in seiner Firma, der Vorgesetzte ließ dem unentschuldigten Fernbleiben vom Arbeitsplatz keine Konsequenzen folgen.-"War wahrscheinlich ein Sozi!" vermutet Sändi. Viele wurden mehrfach verhaftet und blieben für kürzere oder längere Zeit inhaftiert. Trotzdem besteht Sändi nachdrücklich darauf, daß sie zwar den Fängen der HJ w i d e r s t a n d e n hätten, jedoch k e i n e WIDERSTÄNDLER im politischen Sinne waren!
"Wir wollten einfach nur auf Fahrt gehen und das so lange, wie möglich!"

Im März 1941 war das dann für Sändi vorbei; er wurde eingezogen. Im Nov. des gleichen Jahres brachte ihn eine Verwundung zunächst ins Lazarett, dann auf Heimaturlaub und anschließend in eine sog. Genesungskompanie. Und diese Kompanie war, na, wie fein, ...in Düsseldorf stationiert! Wann immer er sich abseilen konnte, holte er die Fahrtenklamotten aus dem häuslichen Kleiderschrank und zog erneut los. Die meisten seiner Fahrtenbrüder waren im Krieg und doch fanden sich wieder Jüngere, die auf den alten, heimlichen Pfaden unterwegs waren. Das waren seine letzten Fahrten, bevor es 1943 zum erneuten Fronteinsatz kam. Der Krieg, jeder Krieg, verändert Vieles und Viele.

Saendi 2002Aber trotzdem haben sich die "Alten Düsseldorfer" ihre Erinnerungen an Nächte am Feuer, an Lieder der Sehnsucht und Gefühle von Freiheit erhalten und dazu ein Leuchten in den gar nicht alten Augen. Gesungen wird heutzutage mit vielen Aktiven und Ehemaligen aus den unterschiedlichsten Bünden.
"Fährst Du Freitag mit nach Düsseldorf?"
"Klar, ich komme mit!"

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