Warum Wandern wenn man Surfen kann?!?
von Pint (ZV)

Liebe Leser,

können Sie sich meinen Schrecken vorstellen als ich erfuhr, daß sich der diesjährige Patenbrief mit der Bedeutung der Jugendbewegung für die Gesellschaft, beschäftigen sollte? Sicherlich nur, wenn Sie selber, meist mitten in der Nacht, einmal Zeuge einer dieser ermüdenden und erfolglos dargebrachten Erklärungsversuche werden durften.

Ha, ganz einfach habe ich mir gedacht: Jetzt erzählst du etwas von der Zauberwelt die uns umgibt und von der die Normalsterblichen nichts ahnen. Und dann erst die Fahrten die wir alle unternommen haben. So lernt man Länder und Menschen doch sonst nie kennen. Dieses freie Leben unter gleichgesinnten Jugendlichen das die meisten von uns als prägenden Teil ihrer Jugend und Persönlichkeit nicht mehr missen möchten. Und dann noch das Totschlagargument mit den reifen und selbstbestimmten Menschen die aus der Jugendbewegung hervorgehen und das ist gut so. Passend dazu habe ich auch noch die nette Geschichte parat als ich mich ,vor Jahren, herzhaft mit einem Jugendbewegten streiten mußte. Inzwischen nach Griechenland ausgewandert, sprach er mir jede Berechtigung ab als Wandervogel heute noch etwas Besonderes darzustellen. Jeder könne inzwischen überallhin fahren und die spießige Enge der 50ziger und 60ziger hätte seine Generation für uns überwunden. Vehement habe ich ihm vorgeworfen, daß sich an dem besonderen Reiz für sich zu entscheiden wohin und wie die Reise vonstatten geht nichts geändert hat. Das Erlebnis ein selbst gestecktes Ziel, und sei es auch noch so fern, aus eigener Kraft zu erreichen hätte von seinem Zauber noch nichts eingebüßt. Richtig empört habe ich ihn dann mit der These, daß er sich als ausgewanderter alter Sack sowieso nicht melden dürfe. Gut das war nicht fair, sicher, er hatte mich aber auch gereizt. Wie konnte er auch so einfach meine kleine Zauberwelt und meine Identität in Frage stellen.

Heute habe ich, zumindest aus der Sicht wahrer Tusk Anhänger, die "alter-Sack-Grenze" mit meinen 35 Lenzen auch so langsam überschritten. Nun ohne die damalige Erregung versuche ich die Sache nüchtern zu betrachten. Hatte der Freund aus Griechenland vielleicht doch recht? Ist es gar nicht mehr so etwas einzigartiges was wir in den Gruppen und auf Fahrt erleben? Sind die Ziele und Ideale der Jugendbewegung verwirklicht und wir nur ein unnötiger Anachronismus?

In einer Hinsicht hat er recht. Um die nötige Zeit für die Fahrt auf einen anderen Kontinent zur Verfügung zu haben mußte der fernwehkranke Wandervogel schon einmal seinen Job aufgeben. So erzählen es uns die Herzöge der Landstraße aus den 50ziger und 60ziger Jahren. Und wer sich, so Anfang des letzten Jahrhunderts, in die Fremde aufmachte mußte das schon als Geselle auf der Walz oder als unternehmungslustiger Adliger tun um nicht als asozial zu gelten. Heute können wir uns viel freier bewegen und Ziele, verglichen mit früher, schneller erreichen. Das Ausleben von Fernweh ist, heutzutage, sozial akzeptiert. Eine 6monatige Auszeit war in Zeiten des Wirtschaftswunders sicherlich kein Problem, aber heute?
Ja heute ist der Flug über den Atlantik mit etwas Aufwand und Willenskraft zu finanzieren und das Abenteuer im zeitlichen Rahmen der Schulferien zu erleben. Ganz zu schweigen von der Möglichkeit besorgte Angehörige relativ kurzfristig über die momentane Befindlichkeit zu informieren. Und wehe wenn nicht. Schon hetzen besorgte Eltern dem ahnungslosen Fahrtengrüppchen die Ordnungshüter in die Kohte.

In der Tat, heutzutage ist es kein ein Problem der Akzeptanz wenn man berichtet daß man seine Freizeit teilweise mit Wandern und Singen verbringt. Es entfleuchen dem geneigten Zuhörer eher erstaunte Ausrufe Marke: "Ja gibt's denn so was heute noch?". Genau hier hat der Wandel angesetzt und ich muß dem Freund zustimmen. Weiterhin gilt zwar als etwas exotisch wer sich mit den Liedern und der Kultur anderer Länder zu Fuß auseinandersetzt, aber sein Tun ist nicht negativ sondern positiv belegt. Auch unser, Ziel Jugendliche und Kinder damit anzusprechen, ist allgemein gerne gesehen. Hier ist keine Arbeit mehr zu leisten. Sogar unser Gedanke daß Jugendliche selbstbestimmt und in eigener Verantwortung handeln, ist inzwischen ein anerkanntes Erziehungsziel.

Aber wie steht es denn mit denen die wir auf die Reise mitnehmen wollen? Und hier erklärt sich die Überschrift. - Schlecht steht es! - Wir wollen und können keine Massenbewegung sein. Das würde uns überfordern und der Zauberwelt ihren Reiz nehmen. Aber wer je in den letzten Jahren eine Jugendgruppe aufbauen wollte hat sich gleich mehreren Schwierigkeiten gegenüber gesehen. Zuerst muß der enthusiastische Gruppenleiter seine ersten Schäfchen einmal finden. Kinder gibt es genug. Aber dann der Termin - hier ist Fußball, da Musikschule und dort die nächste Aktion die auf keinen Fall abgesagt werden kann. Oder ganz anders herum, nachdem die erste Faszination vorbei ist wenden sich die frisch Gekeilten der nächsten Attraktion zu.



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und Attraktionen sind auf dem Markt zu Hauf´ vorhanden. Ich glaube es ist diese Vielfalt der modernen Welt mit ihren unendlichen Möglichkeiten die uns vor neue Herausforderungen stellt. Denn wer alles in "light" einmal kurz ausprobieren kann, und dann dem nächsten Erlebnis hinterherhechelt wird sich für nichts erschöpfend begeistern können. Zugegebenermaßen ist es nicht leicht vor den Gleichaltrigen zu bestehen wenn man zur neuesten Funsportart oder den letzten Trends in der Szene nichts zu sagen weiß. Und wie jeder von sich selber weiß möchte besonders ein heranwachsender Mensch gerade von den Gleichaltrigen anerkannt werden. Da bedarf es schon einer gehörigen Portion Selbstbewußtsein sich dem einen oder anderen Trend zu versagen. Viel schwieriger ist die Kunst sich mit weniger Dingen intensiv zu befassen und es dadurch eventuell schon früh zur Meisterschaft zu bringen. Aber eines ist sicher, derjenige der zum Beispiel ein Instrument oder eine Fertigkeit überdurchschnittlich beherrscht, kann mit diesem Können sich und auch seine Umwelt bereichern. Eine Erfahrung die demjenigen versagt bleibt der sich nur der Oberfläche zuwendet. Und gerade in einer Gruppe von Freunden wie den unseren kann gemeinsam mit Spaß gelernt werden. Und, sehr wichtig, die ersten Gehversuche mit den neuen Fähigkeiten unternommen werden, ohne die Angst sich lächerlich zu machen. Ich denke zum Beispiel an Singewettstreite die uns die Angst vor einer Gruppe zu singen nehmen. Und wie wertvoll und bereichernd gerade diese Fähigkeit ist weiß jeder der schon einmal erleben durfte wie Musik Türen öffnet und Sprachbarrieren unwichtig macht. Aber auch andere Fertigkeiten wie Schauspielerei, handwerkliches Geschick oder die Empfindsamkeit für Kunst und Literatur und deren Vertiefung können gerade wir vermitteln, Hier sehe ich eine enorme Verantwortung für uns gerade nicht aufzugeben und diesem unseligen Zeitgeist eine Alternative entgegenzusetzen.

Nun habe ich gerade wortreich der Förderung des Individuums und seiner Fähigkeiten das Wort geredet. Aber ein weiteres Übel der Zeit sollte uns ebenfalls nicht aufgeben lassen. Nämlich die Tatsache daß die oder der Einzelne immer weniger in der Lage ist sich als Teil eines Ganzen zu begreifen. Auch hier hat der Freund aus Griechenland zu kurz gedacht. Wo wenn nicht in unseren Gruppen oder auf Fahrt kann denn noch erlebt werden daß JEDER EINZELNE zum Gelingen eines Vorhabens beiträgt. Daß erst das Zusammenspiel der verschiedenen Eigenheiten der Mitglieder einer Gruppe ihren unverwechselbaren Reiz ausmachen. Etwa so wie ein bunter Frühlingsstrauß vom Feld wesentlich reizvoller ist als das Bund Tulpen aus dem Gewächshaus. Sicherlich erzählt der bunt gemischte Strauß mehr vom Leben als die Einheitsgewächse. Da geht es den Blumen wie den Menschen. Ganz abgesehen von der Fähigkeit zur Solidarität die sich besonders im Gruppenerlebnis vermittelt. Wesentliche Bereiche der Gesellschaft basieren auf dem Solidaritätsprinzip. Wie soll eine zukünftige Generation das weiterführen wenn sie nie ein Gefühl dafür entwickeln konnte. Nie erleben durfte wie gut es sich anfühlt uneigennützig geholfen zu haben oder geholfen zu bekommen. Die Freude über den gemeinsam überwundenen Bergpaß in sengender Hitze oder vielleicht auch extremere Situationen in der die helfende Hand zur rechten Zeit schlimmeres verhindert hat vergessen sich eben nicht so leicht. Und mit etwas Glück befähigen solche Erfahrungen diejenigen die sie machen durften ihre Umwelt später zu bereichern.

Beide genannten Punkte, die Förderung des Einzelnen mit dem Ziel sich auch einmal auf wenige Dinge richtig zu konzentrieren, als auch das Erlebnis des Einzelnen sich als Teil eines Ganzen zu erleben sollten uns nicht ruhen lassen immer wieder auf´s Neue Gruppen aufzubauen und mit wachem Verstand in die Welt aufzubrechen.

Mit dem Freund aus Griechenland bin ich schon lange versöhnt in Teilen hatte er recht, insbesondere im Bezug auf die Freiheiten die wir heute genießen. Aber daß wir heute als Wandervögel nichts mehr zu bewirken haben hat er zurückgenommen. Und ich höre sie schon die ewigen Nörgler: "Alles was bis jetzt gesagt wurde trifft auch auf den nächstbesten Sportverein zu."

- NA UND?- Je mehr Menschen wie wir, oder so ähnlich, denken desto besser für alle. Diese elende Sucht sich als der bessere Mensch zu fühlen hat schon viel zu viel Unheil über diese Welt gebracht!

Also bitte, bei aller "100 Jahre Wandervogel-Euphorie", wir sind sicherlich etwas Besonderes aber ganz sicher nicht etwas Besseres.

pint ZV

Patenbrief 2002